Ausgangslage

Die Digitalisierung der Wirtschaft hat zur Folge, dass in bislang ungeahntem Ausmaß Daten über individuelle Risiken anfallen. Informationen etwa zur Fahrweise, Lebensführung, Konsum und Sicherheit in Haus und Unternehmen können von Versicherern insbesondere durch die Möglichkeiten der KI vielfältig genutzt werden.

  • Neuartige Versicherungsprodukte entstehen …etwa Kurzzeitversicherungen für sportliche Aktivitäten.
  • Bekannte Versicherungsprodukte werden anlassbezogen digital vertrieben …etwa Auslandskrankenversicherungen bei Grenzübertritt.
  • Risiken werden analysiert und während der Vertragslaufzeit beobachtet und gesteuert …etwa in der KFZ-Telematik mit „Pay as you drive“ oder in der vernetzten Industrie 4.0.
  • Versicherungsfälle werden digital abgewickelt …etwa in der KFZ-Versicherung.

Die Entwicklung steht hier indes noch am Anfang, die Möglichkeiten der intelligenten digitalen Versicherung sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Da Versicherung in Gesellschaft und Wirtschaft allgegenwärtig ist, besitzt sie zugleich ein erhebliches Potential zur Knüpfung von branchenübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken (sog. Ökosystemen) etwa im Bereich Mobilität, Gesundheit, Smart Living oder Smart Production.

Welche Entwicklungen werden uns hier in Zukunft erwarten? Wie wird sich der Markt dadurch verändern? Welche Chancen, aber auch Gefahren birgt diese Entwicklung?

Intelligent Digital Insurance

Als intelligente digitale Versicherung verstehen wir ein Produkt, das über seine gesamte Wertschöpfungskette hinweg die Möglichkeiten der Digitalisierung, insbesondere von Big Data und KI, nutzt. Das beginnt mit automatisierter Information und Beratung im Vertrieb sowie digitaler Risikoanalyse und -steuerung und reicht bis zur automatisierten Schadenbearbeitung und sich selbst vollstreckenden smart contracts.

Ziele

Die Forschungs- und Entwicklungsplattform „Intelligent Digital Insurance“ (IDI) bringt Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, um die genannten Fragen des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Versicherung gemeinsam zu untersuchen.

Die Versicherungswirtschaft ist eine stark regulierte Branche. Sie ist auf das Vertrauen der Versicherungsnehmer und Versicherten in eine den rechtlichen und ethischen Anforderungen genügende KI angewiesen.

Die Versicherungswirtschaft kann deshalb eine Vorreiterrolle in der Entwicklung menschenzentrierter KI einnehmen. Die Grenzen des Einsatzes von KI in der Versicherung sind sorgfältig abzustecken, um einerseits Innovation nicht zu hemmen und andererseits die rechtlichen und ethischen Vorgaben zu wahren.

Hierbei gilt es, auch kleine und mittelständische Firmen in die Entwicklung einzubinden. Es ist der Gefahr vorzubeugen, dass eine zu späte Reaktion der Rechtsordnung auf die Digitalisierung zur Entstehung von unkontrollierbarer Datenmacht in der Wirtschaft führt. Auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Versicherungswirtschaft ist im Blick zu behalten.

Eine enge Rückbindung der Praxis an die einschlägige Forschung trägt dazu bei, dass die aktuellen Forschungsergebnisse in die konkrete Anwendung von KI einfließen können. Umgekehrt erhält die Wissenschaft wichtigen Input aus der Praxis, ohne den die relevanten Probleme nicht gleichermaßen identifiziert werden können.

Konzept

Die gemeinsamen Ziele werden auf einer Vernetzungsplattform verfolgt, auf der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen (Betriebswirtschaftslehre, Informatik, Mathematik, Rechtswissenschaft) und Unternehmen aus der Versicherungswirtschaft sowie KI-/IT-Unternehmen miteinander verknüpft sind. Die Plattform dient dem Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Darüber hinaus bietet sie den Rahmen, KI-/IT-Unternehmen und die Versicherungswirtschaft mit weiteren Branchen zusammenzuführen. So können Ökosysteme entstehen, in denen KI die Wohlfahrt von Verbrauchern und Wirtschaft steigert.

Aus der Zusammenarbeit auf der Vernetzungsplattform werden Forschung und Entwicklung am Beispiel einzelner konkreter Anwendungsfälle von KI in der Versicherung vorangetrieben. Durch diese Anwendungsfälle entlang der gesamten Wertschöpfungskette sollen neue technische Entwicklungen entstehen, die Nutzen für den Versicherungskunden schaffen, Prozesse innerhalb der Unternehmen verbessern und beschleunigen oder Verknüpfungen zu branchenübergreifenden Netzwerken ermöglichen.

Ein Beirat aus Vertretern von Aufsichts- und Datenschutzbehörden, Verbraucherschutzverbänden sowie Verbänden der Wirtschaft begleitet das Projekt kritisch.

Use cases

Im Vertrieb von Versicherungen sind die Anforderungen an die vom Versicherer zu leistende Beratung des Versicherungsnehmers und deren Dokumentation hoch, der gesamte Prozess ist fehleranfällig. Insbesondere im Online-Vertrieb wird daher oft mit einem Beratungsverzicht gearbeitet, der seinerseits strengen Anforderungen unterliegt, gegen die nicht selten verstoßen wird.

Die Beratung des Versicherungsnehmers soll daher durch den Einsatz von KI verbessert werden. So werden Beratungsfehler minimiert, eine objektive, rechtskonforme Beratung sichergestellt, die Ermittlung der Wünsche und des Bedarfs des Versicherungsnehmers ebenso wie die Auswahl der Produkte verbessert und die Dokumentation der Beratung gewährleistet.

An konkreten Anwendungsbeispielen sollen durch Betrachtung des gesamten Beratungsökosystems und durch das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen neue, ganzheitliche Lösungen geschaffen werden, die auf andere Sparten übertragbar sind.

Vernetzung und Datenaustausch in der Industrie 4.0 bringen für die Versicherung ein hohes Potential mit sich, Risiken genauer zu bewerten, in Echtzeit zu beobachten, Prämien angemessener zu kalkulieren und Schäden zu verhindern oder wirksamer zu beseitigen und damit innerhalb der neuen Ökosysteme die Wohlfahrt aller Beteiligten zu erhöhen.

Am Anwendungsbeispiel des Logistikgewerbes soll untersucht werden, wie innerhalb des Ökosystems zwischen Logistikunternehmen, dessen Kunden, Versicherern, Maklern, Unternehmen mit relevantem Datenbestand und ggf. bei der Schadensbeseitigung beteiligten Unternehmen KI-Lösungen entwickelt werden können, die die oben angesprochenen wohlfahrtssteigernden Effekte haben. Dabei werden sowohl Lösungen für Speditionen als auch für Versicherungen geschaffen. Ergänzend sollen weitere gewerbliche sowie Privatkunden-Szenarien und deren Risiken betrachtet werden, um daraus weitere Handlungsfelder abzuleiten und neue Lösungsansätze zu bewerten.

Extreme Wetterereignisse sind für die Versicherungsbranche Kumulereignisse, die zu Arbeitsspitzen in der Schadensaufnahme und -regulierung führen und vor allem kleinen und mittleren Versicherern Schwierigkeiten bereiten. Hinzu kommt, dass solche Großereignisse auch Allokationsprobleme in Hinblick auf die Beseitigung der Schäden mit sich bringen, weil z. B. Handwerker stark beansprucht sind.

Eine Lösung soll der Einsatz eines KI-gestützten, modularen Systems bringen, welches verschiedene Datenquellen unter Einbeziehung des gesamten Ökosystems nutzt, um die geschilderten Probleme zu bewältigen.

IDI-Diskussionspanel
am 18. Juli 2019

Künstliche Intelligenz (KI) in der Versicherung – Fluch oder Segen für den Verbraucher?

Zu diesem Thema hat die Forschungs- und Entwicklungsplattform „Intelligent Digital Insurance“ (IDI) am Donnerstag, dem 18. Juli 2019 ein Diskussionsforum geboten. Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen (Ökonomie, Informatik, Mathematik, Rechtswissenschaft) sowie Vertreter von KI-Unternehmen und Versicherungswirtschaft sowie Verbraucher- und Datenschützer kamen zusammen. Diskutiert wurden die technischen Möglichkeiten und Chancen von KI in der Versicherung, wie etwa das Angebot von passgenauem Versicherungsschutz („pay as you drive“), aber auch Grenzen und Gefahren derselben, wie z. B. unzureichender Datenschutz oder Diskriminierung. Das aus über 70 Teilnehmern bestehende, überwiegend juristische Fachpublikum interessierte sich unter anderem für die Möglichkeiten, die sog. Sprachbots mit sich bringen, zu welchen Herr Jascha Stein, CEO der OmniBot GmbH, einem Partner von IDI, gerne Auskunft gab. Die Möglichkeiten zur Nutzung von Geodaten führte Martin Wilden von der con terra GmbH vor Augen. Abschließend kamen die Diskussionsteilnehmer zu dem Ergebnis, dass eine den gesetzlichen Vorgaben und ethischen Maßstäben genügende KI in der Versicherung viele spannende Möglichkeiten und Anwendungsfelder eröffnet.

Weitere Veranstaltungen

26. September 2019
Münsterisches Symposium zur Cyber-Versicherung

22. und 23. November 2019
37. Münsterischer Versicherungstag

Beteiligte Partner

Das Projekt wurde im Rahmen des „Innovationswettbewerbs KI“ vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Weitere Informationen erhalten Sie in der Pressemitteilung.